Mary Poppins im Winterwunderland
Die Geschichte ist recht simpel: Sie (Maike Switzer) und er (Christian Grygas) haben den Tag auf dem Dresdner Striezelmarkt verbracht und verlieren einander am Abend. Beide begegnen den Figuren, die sie am Tag gesehen haben und die zum unverzichtbaren Repertoire des Marktes gehören. Alle vereinen sich zu einer spektakulären Weihnachtsshow der Staatsoperette. Das Buch verfasste André Meyer, Theaterwissenschaftler und seit 2005 Chefdramaturg des Leubener Hauses.
Striezelmarkt in Leuben Mit dem locker geknüpften Handlungsrahmen braucht sich Meyer formal nicht in irgendeiner Weise festzulegen und kann sich vor allem aller Musik bedienen, die ihm für den Fortgang der Geschichte geeignet scheint. Da erklingen also Lieder aus „Mary Poppins“ und „Annie Get Your Gun“, aber ebenso weihnachtliche Hits vom Schlag „Winterwunderland“ oder das englische Volkslied „Good King Wenceslas“. Zu vielen englischsprachigen Liedern hat Meyer neben anderen Autoren zudem deutsche Nachdichtungen geschaffen, die sich durch ihre sprachliche Zwanglosigkeit auszeichnen. Freilich kommt das Buch nicht ohne die oft sentimentalen Weihnachtslieder aus dem deutschen Repertoire aus, was schließlich ein Abbild des echten Striezelmarkts ist und dort bis zum Abwinken abgespult wird. Um auch das Ambiente echt wirken zu lassen, ist der Bühnenhintergrund ein Bild der Frauenkirche, die einen geradezu bedrohlichen Eindruck erweckt. Hausregisseur und Chefchoreograf Winfried Schneider hat am Buch mitgearbeitet, die Show inszeniert und choreografiert. Ihm ist es gelungen, die Szenenfolge in schnellem Tempo und
nahezu ohne Pausen ablaufen zu lassen. Er gehorcht der wichtigsten Regel solcher Theaterereignisse: Alles muss Schlag auf Schlag kommen, auf dass nicht einen Moment Langweile entsteht. Das geschieht mit erfreulicher Leichtigkeit, viel bildgebender Fantasie und oft prachtvoll erdachter Ausstattung von Manfred Bitterlich. Farbenprächtige Kostüme, die nicht realistisch sein müssen, und ein alle Möglichkeiten ausschöpfendes Lichtdesign lassen ein Panorama entstehen, das auch kritischen Blicken standhält. Die vielen Lichtwechsel sind zum Glück kein spielerischer Selbstzweck. Vielmehr schaffen sie unterschiedliche Stimmungen, die den Charakter der einzelnen Szenen noch deutlicher werden lassen. Manches erinnert an Ufa-Filme der Dreißiger- und frühen Vierziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts oder an Revuen im Stil der damaligen Berliner Unterhaltungsindustrie, aber das ist im neuen Kontext nicht von Nachteil. Choreografisch kommt Schneider ohne die vielen üblichen Klischees aus. Lediglich „Sei hier Gast“ ist ein bisschen zickig geraten. Christian Garbosnik am Dirigentenpult hält mit dem Orchester das hohe Tempo der Bühne durch und lässt seine Musiker je nach Bedarf spritzig oder verträumt spielen. Das gelang schon bei der Premiere mit erfreulich wenig falschen Tönen aus dem Graben und erlaubt den Schluss, dass Patrick Langes Arrangements und Neukompositionen ausgesprochen instrumentalistenfreundlich sind. Pflaumentoffel als Gegenpol Sämtliche Solisten beweisen hohe Verlässlichkeit. Dem Weihnachtsmann (Hans-Joachim Schröpfer) ist zum Zeichen der Gleichberechtigung eine Gattin (Elke Kottmair) beigegeben. Der Schneemann (Dietrich Seydlitz) wäre bei einem geeigneteren Kostümzuschnitt sicher noch überzeugender gewesen, und Gerd Wiemer als Chef der Pflaumentoffel sorgte für den zunächst dunklen Gegenpol zu einer in jeder Beziehung hellen und heiteren Produktion. Auch Chor und Ballett des Hauses konnten sich bestens einbringen. Das Premierenpublikum war vom Geschehen äußerst angetan und äußerte das unter anderem leider durch häufiges rhythmisches Mitklatschen. Dagegen hat wohl nicht einmal der Weihnachtsmann ein taugliches Mittel im Sack. Wieder am 4., 7., 8., 11., 12., 14., 15., 18., 21., 22. und 23. Dezember um 19.30 Uhr sowie am 5., 12. und 19.Dezember um 15 Uhr. Karten unter Tel. (0351) 207990
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